Karina-Kim vom St. Töniser Land
ein Servicehund / Behindertenbegleithund

eingesetzt bei einer Erkrankung am Stiff man-Syndrom

Text: Diana Groß
Fotos: Familie Groß

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Mein Hund

Karina-Kim vom St. Töniser Land
Zuchtbuchnummer: VDH/DSp 79634
geworfen am: 29.11.2007
Vater: Charlie von der Lärchenhöhe
Mutter: Galina vom St. Töniser Land
Züchter: Ursula Prinz
Ackerstr. 21 - 47918 Tönisvorst

Wegen meiner steifen Gangart und wegen meiner Ängste ging ich nicht mehr unter Menschen, zog mich immer mehr zurück und hatte den Kontakt zu meiner Umwelt fast vollständig abgebrochen.

In meiner Einsamkeit wurde mir klar, dass ich auf eine Katastrophe zusteuerte und so beschloss ich, mir einen Hund anzuschaffen. Ein Wesen, das meine Fürsorge benötigt, wie ich die Seine. Ein Wesen, das mich zwingt, nach Draußen zu gehen.

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Ich erkrankte mitten im Arbeitsleben. Nach langer Diagnostik stand fest: Stiff man-Syndrom – eine Muskelerkrankung, begleitet von Versteifungen der Gliedmaßen, Schreckhaftigkeit und Angstgefühlen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sich mein Leben komplett geändert. Nach 20 Jahren als Krankenschwester wurde ich verrentet. Zusehends wurde ich einsamer; Kollegen, Freunde und Geschwister meldeten sich immer seltener.

Stiff man-Syndrom

Das Stiff man-Syndrom, eine seltene neurologische Erkrankung mit antineuronaler Autoimmunität, ist charakterisiert durch eine progressive Versteifung vor allem der Rumpfmuskulatur und einschießende Spasmen sowie eine Fülle weiterer neurologischer, psychischer, vegetativer internistischer, und orthopädischer Auffälligkeiten. Mit Hilfe neurophysiologischer und immunologischer Untersuchungs- verfahren läßt sich die Diagnose sichern und die differential-diagnostische Abgrenzung gegen andere Störungen der Regulation des Muskeltonus vornehmen. Eine kausale Therapie ist nicht bekannt, die symptomatische Behandlung besteht vor allem in der medikamentösen Lösung von Spasmen und muskulären Versteifungen.

© Prof. Dr. H. M. Meinck
Neurologische Klinik der
Universität Heidelberg

Weitere Infos unter:
http://www.stiff-man.de/artikel_meinck.html

Eine Trainerin für Servicehunde hatte ich schnell gefunden. Empfohlen wurde mir eine Hunderasse der ”Neuen Art”. Doch leider wurden mir vom Züchter nur Hunde angeboten, die in den Voruntersuchungen bereits mit Verdacht auf HD-C beurteilt wurden.

Das wollte ich auf keinen Fall.

So machte ich mich selbst auf die Suche nach MEINEM Hund. Bild um Bild schaute ich mir im Internet an, bis SIE mir ins Auge stach … eine graue, sympathische Flocke – ein Wolfsspitz! Sofort rief ich an, schilderte mein Vorhaben und vereinbarte ein Treffen.

Das Schicksal hatte seine Entscheidung getroffen und so bekam ich von Frau Prinz die kleine Karina-Kim zugesprochen. Ab der 2ten Lebenswoche durfte ich den kleinen Welpen begleiten und in der 11ten Woche kam mein Hund zu uns nach Hause.

Karina 8.Woche

Nach Welpenkurs und Erziehungskurs in einer Nachbarstadt war es soweit: Mit 6 Monaten ging Kimi zur Trainerin in die Ausbildung. Neben den üblichen Kommandos lernte sie Brettspiele, Suchspiele, am Rollstuhl gehen, Medikamentenbox und Telefon holen.

Eine harte Zeit, sowohl für mich, als auch den Hund, da wir Kimi nur alle drei Wochen besuchen durften. Nach unseren Besuchen verweigerte Kimi der Trainerin jegliche Zusammenarbeit und auch das Fressen. Ich wurde derweil immer depressiver und bin kaum noch vor die Tür gegangen.

Die Finanzierung

Ein Behindertenbegleithund, bzw. ein Servicehund ist nicht preiswert. Es fällt nicht nur der reine Kaufpreis an, sondern dazu addieren sich auch die nicht unerheblichen Aufwendungen für die Ausbildung. Eine Kostenübernahme, wie beim Blindenhund, durch die Krankenkassen gibt es leider nicht. Allerdings beteiligen sich auf Antrag die Landkreise und Städte teilweise an den Kosten.

Ein wahres Energiebündel; ich war bald am Ende meiner Kräfte und ohne meine Tochter und meinen Lebenspartner hätte ich das nicht geschafft.

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Telefon_1

Bild038feldDann war es endlich soweit, Anfang September holte ich meine Kimi zurück, viel erwachsener war sie geworden, sowohl vom Verhalten als auch vom Aussehen. Ende des Monats hatten wir dann die Behindertenbegleithundeprüfung und Kimi bestand, als wäre es das Normalste von der Welt.

Was ist heute? Kimi ist eine junge, sehr aufgeweckte, intelligente Hündin. Sie bringt mich jeden Morgen dazu, mit ihr Gassi zu gehen und sie zu versorgen – egal wie es mir geht. Sie animiert mich dazu, mit ihr zu spielen (da kennt sie keine Gnade ;o)) Ich fühle mich jetzt draußen wohl und sicher wenn sie bei mir ist. Und wenn es mir besser geht, und ich den Rollstuhl verlassen kann, gefällt uns das Beiden natürlich am besten. Auch wenn ich mal alleine zu Hause bin, weiß ich, dass ich mich auf sie verlassen kann. Wenn ich liegen muss, liegt sie bei mir oder schaut regelmäßig nach mir. Nachts liegt sie immer bei mir.

Das was sie mir gibt, kann ich ihr kaum zurückgeben. Gerne würde ich öfters lange Spaziergänge mit ihr durch die Natur machen und mich mit ihr über die neuen Bekanntschaften mit anderen Hundehaltern (und den Hunden) freuen. Aber natürlich muss Kimi darauf nicht verzichten, denn die langen Spaziergänge übernimmt gerne mein Lebenspartner.

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Dabei kann sie auch ihrer Jagdleidenschaft frönen. Ja, auch Spitze jagen und wenn es nur die Mäuse sind, die sie ziemlich zielsicher erwischt und zu meinem Leidwesen auch verspeist.

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Zusätzlich besuchen wir jedes Wochenende eine Spielstunde in der Hundeschule, damit Kimi mal so richtig rumtollen kann.

Ach ja, auch in der Wohnung ist sie nicht einsam – da sind ja noch unsere Katzen. Kimi hat also ihr eigenes Rudel – auch wenn diese komischen Hunde eine merkwürdige Sprache haben.

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Ich kann nur “Danke” sagen, zu meiner Familie und zu Frau Prinz - Kimis Züchterin und natürlich zu Frau Kämpfer - Kimis Ausbilderin. Danke an alle, die an uns geglaubt haben!!!

Kimis Trainerin erinnert sich an ihre Ausbildung

Die Ausbildung der Wolfspitzhündin “Kimi” zum Behindertenbegleithund war kein typischer Weg dahin und auch galt der Wolfspitz bisher grundsätzlich nicht als typische geeignete Rasse für den gewünschten Einsatz- bereich als Servicehund.

Ich muss ja ehrlich sagen, ich war als erfahrener Servicehundetrainer etwas schockiert über die eigenhändige Auswahl und Anschaffung eines Wolfspitzes von Diana Groß. Gerade weil wir vorher in mehreren intensiven Vorgesprächen die benötigten rassespezifischen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen an den gewünschten Behindertenbegleithund zusammen festgelegt haben. Und das war nicht unbedingt ein Wolfspitz! Nun ja, aber nun war ja Kimi da!

Familie Groß traute sich die eigenständige Aufzucht und Erziehung eines Hundes ab Welpenalter zu. So das Kimi erst mit ca. 6 Monaten in die stationäre Ausbildung in meine Hundeschule für Servicehunde kam.

Grundsätzlich bilde ich nur 2-3 Servicehunde im Jahr aus, um den Ausbildungshunden eine optimale Integration in meinen Alltag und teilweise in meine Tätigkeit als Ergotherapeutin zu ermöglichen. Auch so geschah es mit Kimi!

Kimi zeigte sich anfangs regelrecht “respektlos” gegenüber anderen Menschen und Tieren, sie konnte sich auf wesentliche Dinge gar nicht konzentrieren und sie lies sich über Futter oder soziales Lob auch nicht motivieren! Ich benutzte bei ihrer Ausbildung eine Kombination von Clicker- und / oder Futterbeutelarbeit.

Sie merkte bald, dass es sich lohnt kooperativ mitzuarbeiten und nutzte ihre intelligente Eigenwilligkeit aus, um den gewünschten Lösungsweg selbständig zu finden. Als erstes standen klassische Grundsignale wie z.B. Herankommen, Ablegen, Hinsetzen, Leinenführigkeit, zuverlässiges Abrufen, Distanzkontrolle usw. auf dem Stundenplan. Zudem musste u.a. eine gute Beißhemmung, sozial angepasstes Spielen mit Menschen, der konfliktfreie Umgang mit Artgenossen, das Alleinebleiben, entspanntes Autofahren geübt und gefestigt werden.

Sie erlernte ein sehr freudiges Apportieren, was wiederum für das Erlernen der benötigten Serviceleistungen von der behinderten Besitzerin Diana Groß eine Grundvoraussetzung war. Gleichzeitig dient das Suchen und Apportieren von Futterbeutel, Spielzeug usw. als Ersatzjagd der geistigen und körperlichen Auslastung von Kimi im Alltag, welches auch durch beeinträchtige Menschen gut im Leben für das Wohlbefinden des Hundes umgesetzt werden kann.

Kimi´s Lieblingsserviceübungen sind das Heranbringen eines Telefons und der Medikamentenbox auf Signal oder selbständig in einer Notsituation von Diana Groß.

Außerdem lernte Kimi die Leinenführigkeit und Freifolge am Rollstuhl, sowie die Kontaktaufnahme im Rollstuhl beim Anleinen und das Anreichen heruntergefallener Gegenstände.

Nachdem Kimi “positives Lernen” gelernt hatte, war es eine große Freude zu zusehen, wie dieser sehr intelligente und eigenständige Hund regelrecht nach neuen Aufgaben sucht! Langweilig wird es im Leben mit Kimi bestimmt nicht werden!

Gleichzeitig wurde in regelmäßigen Abständen die Familie Groß in den Erziehungsprozess von Kimi eingebun- den. Familie Groß musste sich viele theoretische und praktische Kenntnisse über das Lern-, Kommunikations-, Stress- und Spielverhalten eines Hundes aneignen. Nach Beendigung der stationären Ausbildung bei mir fand eine intensive Einarbeitung von Kimi und der Familie Groß (unter Einbeziehung aller Familienangehörigen) direkt am Wohnort statt.

Den Abschluss der kompletten Ausbildung zum Behindertenbegleithund bildete die theoretische und praktische Prüfung des Mensch-Hund-Teams Diana Groß und Kimi durch eine unabhängige fachkundige Prüferin (ohne Anwesenheit meiner Person als Trainerin) im Alltag von Diana Groß. Beide haben diese Prüfung mit Bravour bestanden, was mich als Ausbilderin natürlich auch sehr stolz macht!

Weitere Infos unter: www.hundeschule-sirius.de , Inh. Jana Kämpfer, Telefon: 06595-900 98 88

© Jana Kämpfer

Copyright: Verein Liebhaber des Deutschen Spitzes

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